Elternmedienkompetenzen

1. Einleitung
2. Die absenten Eltern
3. Die bewahrpädagogischen Eltern
4. Die spielenden Eltern
5. Die medienkompetenten Eltern
6. Fazit

Einleitung
Ziel eines medienpädagogischen Umgangs mit Computerspielen muss es sein, dass Eltern ihre Verantwortung für die Medienerziehung ihrer Kinder deutlich erkennen. Er­zieherInnen in den Kindertagesstätten und LeherInnen in den Grund- und Regelschulen sowie Gymnasien müssen befähigt werden, die Potenziale des Mediums in ihrer pädagogischen Arbeit aufzu­greifen. Somit können sie auch Ansprechpartner für Eltern und ältere Geschwister in Fragen der positiven und beeinträchtigenden Wirkungen des Computerspiels sein. Pädagogisch angeleitete LAN-Partys sind momentan in Schulen, Jugendclubs etc. jedoch eher eine Seltenheit. Häufig fehlt es an technischen Möglichkeiten, mehr noch jedoch an medienpädagogisch geschulten Personen, die das Wissen und die Kompetenzen haben, derartige Spielmöglichkeiten bereitzustellen und durchzuführen. Somit ist davon auszugehen, dass die wesentlichen Computerspielerfahrungen von Kindern im privaten Umfeld erfolgen.
Die Frage ist, wie ein solcher privater Umgang mit dem Computerspiel aus medienpädagogischer Sicht zu werten ist und welche Bedeutung Kinder- und Jugendschutzinstrumente behalten. Die aktuelle Forderung nach einer Verschärfung des Jugendschutzgesetzes im Bereich der Computerspiele scheint angesichts der Tatsache, dass viele Kinder Spiele mit Einverständnis und/oder Wissen spielen, die nicht für ihr Alter geeignet sind, bereits heute unwirksam. So bleibt zu konstatieren, dass die gesetzlichen Vorgaben des Jugendschutzes im praktischen Einsatz an der privaten Haustür enden. Abseits der Überlegung, ob die Alterseinstufung der USK für die Computerspiele gerechtfertigt ist, stellt sich insbesondere die Frage, wie Eltern mit dem Medium Computerspiel in Hinblick auf ihre Kinder umgehen. Abstrakt lassen sich derzeit folgende Elternmedientypen skizzieren:

Die absenten Eltern
Der Vorwurf, dass manche Eltern die Medien benutzen, um ihre Kinder zu beschäftigen damit sie sich selbst auf andere Dinge konzentrieren können, ist nicht neu. Tatsächlich haben insbesondere moderne Medien für viele Kinder einen so großen Gravitationseffekt, dass sich Medien als „Ablenkung“ verwenden lassen. Hinzu kommt, dass die gesellschaftlichen Bedingungen oftmals für Eltern eine Doppelbelastung erzeugen und sich womöglich nur schwer die Aufmerksamkeit allein auf die Kinder richten lässt. Es wird bei der Beschäftigung der Kinder mit Medien allerdings übersehen, dass auch hier ein hoher Betreuungsaufwand für eine angemessene Medienreflektion nötig ist. Eltern, die Medien vornehmlich nutzen, um ihre Kinder für eine Zeit allein zu beschäftigen, haben keine Gelegenheit, die Reaktionen der Kinder auf die Medieninhalte zu erfahren. Entsprechend versäumen sie für Kinder eventuell wichtige Situationen und negieren somit die Grundlage für entsprechende Gespräche. Dieses Verhalten ist nicht zuletzt oftmals ein Indiz für mangelhafte Medienkompetenzen der Eltern, die selbst unreflektiert Medien konsumieren und Inhalte nicht sondieren.
Kindern, die überwiegend allein gelassen Medien konsumieren, fehlen häufig grundlegende Kenntnisse im Umgang mit Medien. Es fällt ihnen schwerer, zwischen Fiktion und Realität zu unterscheiden, sie können kindgerechte Inhalte nicht von Erwachseneninhalten trennen und bleiben bei Fragen und eventuellen Problemsituationen allein zurück. Eine Verarbeitung von Medienerlebnissen erfolgt (wenn) nur unbewusst und ungesteuert.

Die bewahrpädagogischen Eltern
Aus Angst oder eigenen negativen Er­fahrungen neigen manche Eltern dazu, Medienkonsum von Kindern prä­ventiv zu vermeiden oder stark zu redu­zieren. Häufig sind es Eltern, die sich an­gesichts der neuen Medien überfordert fühlen und selbst nur schwierig Medien­inhalte rezipieren können. Ihre Reaktion auf Wirkungsvermutungen und komp­lexe Wissensgrundlagen sind Sank­tionen und Verbote. Sie kennen häufig nicht die ihnen zur Verfügung gestellten Hilfsmittel wie Alterskennzeichnungen und spezielle Be­wertungsplattformen. Es zeigt sich jedoch, dass auch Kinder, deren Eltern ihnen Medienumgang großteils untersagen, bei Freunden Medien konsumieren. Für ihre Altersgenossen sind Medien wichtige Aspekte, über die sie sich austauschen und über die sie kommunizieren. Somit besteht stets auch der Wunsch sich selbst einzubringen, mitreden zu können und eigene Erfahrungen einzubringen. Manche bewahrpädagogischen Eltern nutzen die Bedeutung der Medien für Kinder dazu, um sie als „Belohnung“ oder Medienentzug als „Strafe“ einzusetzen. Dies führt jedoch eher dazu, dass Medien eine überproportionale, fast mystische Bedeutung erlangen. Medien werden auf diese Weise ungerechtfertigt glorifiziert. Auch hier kann es letztlich zu Kommunikationsdistanzen zwischen Eltern und Kindern kommen, die Austausch, angemessene Reaktionen und Hilfestellungen erschweren.

Die spielenden Eltern
Seit 30 Jahren gibt es inzwischen Compu­terspiele. Die Annahme, dass die Eltern prinzipiell in ihrer Sozialisation keine Com­puter­spiele gespielt haben, übersieht, dass inzwischen viele junge Eltern eine eigene Computerspielbiografie besitzen und bis­weilen auch aktive Spieler sind. Daraus ergeben sich abstrakt zwei Varianten, wie spielende Eltern den Computer­spielkon­sum ihrer Kinder behandeln.

Positive Aspekte finden sich darin, dass spielende Eltern Erfahrung mit den Spielen, Alterskennzeichnungen, Spielinhalten und Wirkungsmechanismen haben. Sie setzen sich als Spieler aktiv und aus Perspektive der Spieler mit diesen Medien auseinander und können auf eventuelle Problemsituationen angemessen reagieren. Dazu bedarf es nicht nur der Kenntnis über die Spiele, sondern auch des Bewusstseins, dass die Verarbeitungskompetenzen von Erwachsenen und Kindern bzgl. der Spiele ver­schieden ist. Spielende Eltern finden oftmals guten Zugang zu Gesprächen über das Spiel und über Erlebniserfahrungen.

Spielende Eltern können jedoch bei eigenen geringen Medienkompetenzen einer angemessenen Beschäftigung von Kindern und Computerspielen sogar entgegen­wirken. Sie vermuten, dass die Reaktion von Erwachsenen auf Spielinhalte sich nicht von denen ihrer Kinder unterscheidet und gewähren bisweilen ungerechtfertigten Zugang zu Spielinhalten, die für Kinder nicht geeignet sind. Starker Spielkonsum der Eltern kann die Bedeutung des Computerspiels auch überproportional erhöhen und ihm eine unverhältnismäßige zeitliche Beschäftigung verschaffen.

Die medienkompetenten Eltern
Medienkompetente Eltern zeichnen sich nicht zwangsläufig durch eigene Computer­spiel-erfahrung aus. Sie beschäftigen sich mit dem Medium Computerspiel, kennen Alters­kenn-zeichnungen und verfolgen aktiv das Spiel der Kinder. So lassen sich Reaktionen der Kinder auf Spielinhalte erkennen und ggf. angemessen reagieren. Mitzuspielen verhilft nicht nur dazu die Spieldynamik, die auf das Kind wirkt, zu erfassen, sondern be­deutet auch für das Kind, dass seine Eltern sich mit diesem, für sie eventuell wichtigen Medium beschäftigen. So entsteht die Möglichkeit für eine Gesprächsgrundlage, die Aus­gangspunkt für einen angemessenen Umgang mit Computerspielen darstellt. Dabei zeigt die Praxis, dass Eltern, die das Spiel und ihr Kind beim Spiel erfahren und beobachten, bisweilen abweichend von gesetzlichen Vorgaben bestimmte Computerspiele erlauben oder ein­schränken können. Sie beurteilen das Nutzungsverhalten individuell und angepasst an den Lebensweltkontext des Kindes.
Dabei verwenden medienkompetente Eltern das Computerspiel nicht als Belohnung oder Strafe, sondern schaffen klare Reglungen und Vereinbarungen, wie mit diesem Medium um­gegangen wird. Ein solcher Umgang kann zu einer bewussten Auseinandersetzung der Kinder mit den Spielen führen und ihnen helfen, eine eigene Medienkompetenz, insbesondere Aus­wahlkompetenz und Medienkritik zu gewinnen bzw. herauszubilden.

Fazit
Ein effektiver Jugendmedienschutz baut zwar auf gesetzlichen Reglungen auf, die insbe­sondere allgemeine Grundlagen und Herangehensweisen beschreiben, kann jedoch nur funktionieren, wenn er individuell und im kleinsten gesellschaftlichen Konstrukt, der Familie, angewandt wird. Grundvoraussetzung ist dazu eine Herausbildung von Elternmedien­kompetenzen. Einerseits erscheint diese Forderung angesichts der heutigen Überlegenheit von Kindern bzgl. der Nutzung von Medien schwierig und kaum umzusetzen, andererseits zeigt sich bereits heute, dass viele Eltern durch ihre eigene Medienbiografie diese Kompe­tenzen bereits mitbringen oder erlernen können. Die Aufgabe einer emanzipatorischen Medienpädagogik ist es hierbei, Medienkompetenzen weniger direkt an Kinder und Jugendliche zu vermitteln, sondern sich verstärkt mit der Förderung von Medienkompetenzen seitens Erwachsener zu beschäftigen. Dabei handelt es sich zwar zuerst um Eltern, jedoch ebenso um Pädagogen, Lehrer, Kindergärtner und andere Multiplikatoren, die in der Sozialisation von Kindern wirksam werden.

* Aus der Kinder-Kult Studie 2007

siehe auch:
Infofilm - Die Kennzeichnungen der USK |>>|


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